Mitglied Pikto

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste.

Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. WEITERE INFORMATIONEN

Ok

2 2015Editorial

Viel ist von Generationen die Rede. Mit Generationengerechtigkeit wird neoliberale Sparpolitik, wie ich meine, zu Lasten der gegenwärtigen und künftigen Generationen legitimiert. Das Rentensystem gründet auf dem Generationenvertrag. Das Verhältnis von Alt und Jung wird oft mit dem Generationenkonflikt umschrieben. Die Bezüge zwischen dem Verhältnis der Generationen und der Jugendbewegung scheinen eine Selbstverständlichkeit zu sein.Welche Bedeutung jedoch der Generationenbegriff für die historische Jugendforschung tatsächlich haben kann, war Thema eines Symposions für Jürgen Reulecke am Haus der Geschichte des Ruhrgebietes, wozu wir hier veröffentlichen. Alexander Schwitanski, uns allen als langjähriger Leiter unseres Archivs bekannt, geht in seinem Referat der Frage nach, welche Bedeutung denn der Generationenbegriff genau für die historische Jugendforschung haben kann. Sein Fazit ist ebenso präzise wie ernüchternd. Ein undifferenzierter und unhistorischer Gebrauch der Generation hat keinen Erkenntniswert, machen doch nicht alle Menschen zur gleichen Zeit die gleichen oder ähnliche Erfahrungen.
Auch der in der Forschung gebrauchte Begriff der Alterskohorte taugt wenig, sind soziale Lage aber auch Biographie und subjektive Selbstverortung zu unterschiedlich. Erst der – wie ich meine übersetzungsbedürftige – Begriff der Generationalität eröffnet – so Schwitanski – verschiedene Zugänge zur Erforschung von Jugendbewegung. Fragt er doch nach den »zeitbedingten Anteilen in der Identität von Menschen« und setzt auf »eine Annäherung an die subjektive Selbst- und Fremdverortung von Menschen in ihrer Zeit und damit verbundene Sinnstiftungen«. Die Beiträge von Katarzyna Nogueira zu den jugendlichen Subkulturen im Ruhrgebiet und von Knud Andresen zur Politisierung der Gewerkschaftsjugend 1968 werfen die Frage auf, wie sich junge Menschen im Kontext ihrer Zeit und ihrer Region verorten oder auch verortet werden. Die literarischen Gedanken von Rainer Holl und Coo Pajaro über Moderne Arbeit bringen eindrücklich die unterschiedlichen Erfahrungen der Brüche in der Arbeitswelt zwischen dem gesicherten Normalarbeitsverhältnis und der neuen selbstbestimmteren und prekären Arbeit heute zum Ausdruck.

 

Ob und inwieweit diese neue Arbeit in der neoliberale Marktgesellschaft Jugendlichen die alten Ideale ausgetrieben und sie zu Performern, Stylern und Egoisten gemacht habe, dieser Frage geht die kritische Rezension, die Vincent Knopp zum Buch des Jugendforschers Bernhard Heinzlmaier verfasst hat, nach. Janina Diel schildert in ihrem Beitrag zur Heimvolksschule Tinz, inwieweit eine identitätsbildende Jugendgemeinschaft durch die Bildungsarbeit dieses Modellprojektes sozialistischer Bildungsarbeit in der Weimarer Republik entstand. Wie unangepasstes Jugendverhalten in der NS-Diktatur als politisches Delikt brutal von der Staatsmacht verfolgt wurde und Menschen bis an ihr Lebensende traumatisiert hat, beschreibt Martin Rüther in der in diesen Mitteilungen rezensierten Biographiedes Edelweißpiraten Wolfgang Ritzer. Differenziert und konkret leisten die Aufsätze und Rezensionen dieser Mitteilungen so einen Beitrag, wie die unterschiedlichen Zeiterfahrungen junger Menschen für ihre Identitätsbildung und die Selbst- und Fremdverortung von Jugendbewegungen und Jugendorganisationen besser erforscht und verstanden werden können. Inwieweit die gemeinsamen Erfahrungen von Kindern aus vielen Ländern und Organisationen in den internationalen Camps der IFM in ihrem zeitlichen und politischen Kontext identitätsbildend sein konnten, dieser Frage geht die Jahrestagung des Archivs am 22. und 23. Januar 2016 nach, zu der der Vorstand des Förderkreises herzlich einlädt.

Freundschaft!
Wolfgang Uellenberg -van Dawen

 

Zum Seitenanfang